„Vegan lebt man nicht gesünder, es fühlt sich nur länger an!“

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Abgesehen von seiner leichten grammatikalischen Unschärfe hat dieser Spruch doch einen netten Wortwitz. Und verleitet vielleicht dazu, weiterzulesen. Also Hallo. Und nach jetzt schon bald sechs Wochen jeganem Leben wage ich – bevor jetzt wieder die sicher schon ihre Messer wetzenden veganen Radikalisten über mich herfallen – lauthals zu sagen:

Dieser Spruch ist falsch!
Für mich natürlich ganz besonders erfreulich! Und für diejenigen, die sich mit dem Gedanken spielen, eventuell eine ähnliche Ernährungsform zu wählen, sicher auch hoffnunggebend.

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Ich gehe gleich näher darauf ein und berichte konkret von meinen Erfahrungen und Menus der letzten Wochen, möchte aber bitte vorher etwas mir ganz Wichtiges festhalten dürfen:

Allerherzlichsten Dank für die vielen positiven, motivierenden und oft auch wirklich interessierten Reaktionen auf die bisherigen beiden Beiträge. Die zugegebenermaßen eventuell doch leicht provokativ zu verstehende Adaption des Begriffes „vegan“ zu „jegan“ hat natürlich aufmerksam gemacht, ist vielen makellosen Veganerinnen unangenehm aufgestoßen, hat aber seinen Zweck, auf die negativen Folgen globaler industrieller Tierhaltung aufmerksam zu machen, ganz und gar erfüllt. Und jetzt plagiiere ich mich selber und zitiere – zur weiteren Rechtfertigung – zum Teil wörtlich aus einer Korrespondenz mit einem sehr fundiert argumentierenden Veganer:

„Ich habe mich im Vorfeld der Öffentlichmachung meiner Aktion schon alleine aus Respekt vor der „reinen“ veganen Lehre mit der Begriffsdefinition recht intensiv beschäftigt, um halt auch niemandem aus semantischen Gründen nahezutreten. Dazu erlaube ich mir etwas nicht Unwichtiges vorwegzunehmen: Intention der Publikation ist es ja weder, Veganer provozieren zu wollen, noch sie zu mehr Akzeptanz der Jagd zu bringen. Ersteres wäre nur blöd und zweiteres bedürfte einer anderen Plattform. Intention der Veröffentlichung ist es vielmehr, Leserinnen und Leser, die sich damit noch nicht konzentriert auseinandergesetzt haben, auf die fatalen globalen Konsequenzen der Tierhaltungsindustrie aufmerksam zu machen. Und wenn ich schon beim Vorwegnehmen bin und es grad dazu passt: Mir gefällt Deine Bemerkung sehr gut, dass “ … es nicht um eine perfekte Welt geht, sondern um eine, die einfach ein bisschen besser ist.“ Und auch da wäre es schon vermessen und ganz und gar illusorisch von mir, anzunehmen, dass wegen meines „Verzichtes“ sich irgendetwas Konkretes zum Besseren wenden würde oder könnte. Wenn aber nun einige der geschätzten Leserinnen und Leser auf die Idee gebracht werden, auch nur gelegentlich auf Produkte aus industrieller Tierhaltung zu verzichten und selbst darüber dann mit Dritten zu reden, dann könnte diese Aktion eventuell doch eine Kleinigkeit bewirken. Ihr reinen Veganer seid ja ohnehin die „Säulenheiligen“ (positiv gemeint!), Euer negativer impact auf unsere Welt ist ja ohnehin schon sehr reduziert. Viel effizienter (und leichter zu bewerkstelligen) ist es nun, Konsumentinnen und Konsumenten auf die Idee eines Teilverzichts zu bringen. Denn 10 solche Halbveganer (ich komme gleich dazu, warum ich jetzt wieder zu dem Begriff greife), die zB um 50% weniger Produkte aus industrieller Tierhaltung zu sich nehmen, haben einen vielfach höheren Effekt als ein reiner Veganer mehr.

So, jetzt endlich zur Begriffsdefinition: Wie schon erwähnt habe ich im Vorfeld doch recht ausführlich über den Begriff „vegan“ und dessen Verwendung recherchiert. Der entsprechende Wikipediaartikel verweist auf verschiedene Definitionsansätze und es steht dort unter anderem: „Im Oxford Illustrated Dictionary erschien der Begriff vegan zum ersten Mal 1962 und wurde dort als „vegetarian who eats no butter, cheese, or milk“ (Vegetarier, der keine Butter, keinen Käse und keine Milch verzehrt) … Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary bezeichnet aktuell (Stand: August 2010) mit vegan sowohl jenen Vegetarier, der weder tierische Nahrung noch Milchprodukte konsumiert, als auch jemanden, der die Nutzung tierischer Produkte insgesamt vermeidet.[7]“

So schien es mir also zulässig, in der Kreation und weiteren Definition des Wortes „jegan“ auf „vegan“ Bezug zu nehmen, weil eben der komplette Verzicht auf jegliches tierische Produkt KEINE conditio sine qua non ist, man darf sich auch dann schon „vegan“ nennen, wenn man sich „nur“ rein pflanzlich ernährt. Und solche wie meine Tochter und ich ernähren sich halt rein pflanzlich mit der einzigen Ausnahme von tierischen Produkten, die sie sich selbst erjagt haben.“

Soweit dazu – alle, die jetzt noch angefressen auf uns sind, bitte ich höflichst um Entschuldigung, aber wir werden wohl nie zusammenkommen können.

Foto zum Artikel über die Tierhaltungsindustrie von vernebelten Bergen im Morgenlicht

Sechs Wochen ohne Lebensmittel aus der Tierindustrie. Fast.
Was ist also seit dem 15. November, als ich zum letzten Male Allesfresser gewesen bin, passiert. Und wie fühlt es sich an?

Dieser last sunday war ja auch der Tag des in unserer Stadtflucht Bergmühle stattfindenden Bioganslessens mit mehr als 120 Gästen. Die Gelegenheit nützend habe ich mir also nicht nur zu Mittag schon eine riesige Portion Gansl reingehaut, natürlich mit allen Beilagen, die ihre Geschmacksschwere durch die intensive Verwendung von Speckwürferln, Schweineschmalz, Butter und Schlagobers erlangen, sondern dann am Abend eine zweite Portion gleich nocheinmal. Ich wußte ja, es ist der letzte Tag! Die letzten 10 Minuten vor Mitternacht habe ich dann dazu verwendet, mir eine Lindor-Schokoladekugel nach der anderen hineinzuzwängen. War mir schlecht. Die Nacht voller Alpträume. Verfolgt von ausgezehrten bleichen leicht faulig riechenden Gestalten mit intensiver Achselbehaarung und gelbunterlaufenen Augen, die mir über ihre Jesusschlapfen stolpernd nachliefen und mit schon verdorbenen Karotten, Erdäpfeln und Kürbissen nach mir schmeißend laut „Willkommen!“ riefen. Es war schrecklich.

Am 16.11.2015 dann in der Früh auf die Waage und zum ersten Mal in meinem Leben dreistellig – klar, ich hatte seit Anfang Oktober aus Prinzip von allem so viel gegessen, bis ich nicht mehr konnte. Und das so oft wie möglich. Danach mein allmorgendliches Sojajoghurt mit frischem Obst. Da bin ich schon vor einigen Jahren aus reinem Zufall auf den Geschmack gekommen, natürlich jetzt sehr hilfreich. Zu Mittag machte mir dann meine liebe Tochter einen guten warmen (auch das war für mich neu) Salat und am Abend adaptierte ich mein Rezept eines Kalbsgulasches dahingehend, dass ich statt Kalbfleisch Champignons und statt Schlagobers einfach Sojaobers nahm. Das gibt es von Joya und ist hervorragend.

Die vier starken Argumente gegen die industrielle Tierhaltungsindustrie, die jede/r versteht, der/die kein/e Vollkoffer/in ist.
Und so und so ähnlich ging es dann weiter seit Mitte November. Immer wieder neue Sachen ausprobierend, immer öfter die schon zweite „Swing Kitchen“ (real vegan Burger, genial!) besuchend, sich mit im Internet oder einschlägigen Kochbüchern bunt publizierten Rezepten beschäftigend und vor allem höchst erstaunt darüber, wie sehr sich hier in Österreich schon der gewöhnliche Supermarkt auf die anscheinend ständig wachsende Zielgruppe der Veganer einstellt. Oder auf die Zielgruppe derer, die halt nur regelmäßig vegan essen wollen. Denn diese ist es ja – so bin ich auch nach Diskussionen mit vielen aufgeklärten Veganern immer sicherer – die das allergrößte Hoffungspotential auf ein Sinken der Nachfrage nach Produkten aus industrieller Tierhaltung birgt.

Und so nütze ich mein neues jeganes Dasein auch ganz hemmungslos und schmerzfrei dazu, mein Umfeld so oft es geht mit meiner neuen Ernährungshaltung zu penetrieren. Die vier Totschlagargumente kann ich mittlerweile in jeder Diskussion innerhalb von 10 Sekunden aufzählen und sogar jedes Gespräch, zu dem ich dazustoße, auch wenn es sich eigentlich um etwas ganz anderes dreht, rasch in eine Richtung lenken, dass ich sie dann endlich anbringen kann:

70% der weltweiten Ackerfläche für Tierfutter!
Mehr als 50% des weltweiten Wasserverbrauchs für Tierhaltung!
Energieeffizienz von Rindfleisch 1:9!
Die Scheiße, Furze und Pisse der Viecher schlimmer als Autoabgase!
Rumms! So schnell geht das!

Und das Schöne an dieser Kurzsimplifizierung – keiner kann dem was entgegenhalten. Auf den Einwand, ob die Zahlen denn wohl richtig seien, kann man simpelst replizieren, dass auch die Hälfte schon so schlimm genug ist, dass Leute wie wir Mitteleuropäer, die im Regelfall alles haben, was sie sich nur wünschen, leicht auf etwas verzichten können müssten, vom dem man weiß, dass es ganz falsch ist. Und unserem Planeten schadet. Und wem/wer der schon vierte Wiener Winter ohne Schnee und 21 Grad am Weihnachtstag in New York nicht Anlass genug sind, sich zumindest auf eine ernsthafte Unterhaltung einzulassen, mit dem/der sollte man sich auch zukünftig eh nur auf belangloses Blabla einstellen. Kann ja auch lustig sein.

Ich gestehe!
Ja, ich habe in diesen 40 Tagen schon gesündigt! Dreimal. Aber wenigstens jedesmal ganz bewusst. Und obwohl ich mich im Regelfall wirklich sehr strikt daran halte, jegliches Produkt aus Tierhaltung (nicht nur industrieller!) zu vermeiden, denn sonst wäre diese meine Aktion ein bissl witzlos. Einmal, ganz am Anfang, bei einem schönen Abendessen, konnte und wollte ich auch der besonders netten Gastgeberin zuliebe, die sonst auf mein vorher avisiertes (das kann man übrigens ganz leicht und ohne Genierer machen und hat dann auch gleich schönen zu den vier Keulenargumenten führenden Erklärungsbedarf während des Abendessens) neues Dasein zuvorkommend reagiert hat, nicht auf eine auch aus Fisch und Eiern bestehende Vorspeise verzichten. Überhaupt auch eine meiner (ehemaligen) Lieblingsspeisen. Dann habe ich vorgestern bei meiner Mutter ein paar Vanillekipferln gegessen, die sicher mit Butter gemacht waren. Und dann war mir einmal bei einer Jagd Anfang Dezember so kalt, dass ich zu Mittag doch einen Teller heiße Gulaschsuppe gegessen habe. Das war`s aber dann schon.

Foto einer Winter-Berglandschaft, die vom Nebel fast völlig eingehüllt ist.Foto eines rot gefärbten Morgenhimmels hinter WaldbäumenFoto eines Hundes in einer Herbstwiese
Jagd und für Tiere eintreten – passt das zusammen?
Und überhaupt, höchst erfreulicherweise treffe ich auf die meiste Akzeptanz in meinem jagenden Freundeskreis. Den bei den – anschließend an die herbstlichen Gesellschaftsjagden stattfindenden – sogenannten „Schüsseltrieben“ servierten, natürlich nicht veganen Speisen ausweichend nehme ich mein eigenes veganes Schmalz (köstlich!) oder meine vegane Blutwurst (aus roten Rüben, selbst Fleischtiger schmecken keinen Unterschied) mit, repliziere bei Tisch oder schon während der Jagd meine vier Keulenargumente, lasse kosten und nehme dankend das von mir erlegte Wild von der Strecke mit. Jagende Zeitgenossen verstehen meist sofort, worum es geht, oft meinen sie, sie lebten schon lange sehr ähnlich und reden hauptsächlich davon, ob nicht das Ei vom eigenen Huhn oder das Fleisch vom biologisch arbeitenden Nachbarbauern moralisch ok sei. Klar ist es das.

Natürlich ist aber ihnen meist und mir immer klar, in was für einer außergewöhnlich privilegierten Situation wir Jägerinnen und Jäger sind. Den Bezug zur Natur nicht schon verloren habend und oft in einer Umgebung lebend, wo es halt nicht nur leicht oder sogar selbstverständlich ist, den Produzenten des Lebensmittels, das man zu sich nimmt, persönlich zu kennen, sondern man sehr oft sogar eine Auswahl treffen kann.

Foto eines winterlichen Waldes mit Morgenrot in der FerneFoto eines Mädchens mit Wanderstock in den BergenFoto einer gemähten Wiese mit wolkenverhangenem Himmel
Habe sich meine Grundhaltung zu Jagd verändert, jage ich anders, werde ich von langjährigen Veganern gefragt. Ja, seit ich jegan lebe, halte ich eine weidgerechte (was das heißt sagt Oskar von Riesenthals berümtes Gedicht am allerbesten: „Das ist des Jägers Ehrenschild, dass er beschützt und hegt sein Wild, weidmännisch jagt, wie sich’s gehört, den Schöpfer im Geschöpfe ehrt.“) Jagd für noch wichtiger als vorher und jedes von einem Auto zu Tode gefahrene Wild (alleine in meinem Revier jedes Jahr mehr als 20 Rehe) rührt mich noch mehr an als schon zuvor. Mein Respekt und meine Achtung vor der Kreatur und meine Dankbarkeit, dass ich sie ab und zu essen darf, ist weiter gestiegen.

Was mir fehlt und was mir schwer und leicht fällt.
Fehlt mit etwas, werde ich von jede/m gefragt, die/der ob meiner neuen Passion weiß, stimmt der eingangs zitierte Satz? Natürlich fehlt mir vieles in fünf Jahrzehnten Liebgewordenes, Mahlzeiten und auch Gewohnheiten, und natürlich kämpfe ich damit, in Restaurants oft nur Erdäpfeln (Kartoffel) mit Spinat oder eine fahlen Salat essen zu können. Andererseits bin ich aber auch regelmäßig begeistert, was für unzählig viele wunderbare reine Gemüsegerichte es gibt, wobei die syrische Familie, die seit einigen Monaten in unserem Haus mit uns lebt und mit der wir fast jeden Abend gemeinsam kochen, große Inspiration ist.

Der Verzicht fällt aber (noch?) leicht, denn ich weiß ja, dass es moralisch richtig ist, was ich hier tue. Das Leben fühlt sich nicht länger, sondern interessanter an.

Ob ich`s durchhalte? Weiß ich nicht. Que ca dure! Ihr werdet es erfahren.

Happy new year!