„Dieser Ort hat eine Weite …“ im Wiener 2015

traun wiener

Dieser Ort hat eine Weite, die Fata Morganen ermöglicht, und eine Nähe für zweisame Gespräche über sagen wir „die Zukunft“.

Die Zukunft von Elektromobilen und Odessa zum Beispiel, die nahe Zukunft einer Ziege, grasend am Geländerand oder auch die Zukunft von gar nichts mehr. Denn auch gar nichts mehr kann hier passieren.

Ich betrete den Ort durch ein Holztor, dort steht in großen Lettern „STADTFLUCHT. VEREIN FÜR KOCHEN UND MUßE“.

Verein für Kochen und Muße?

Ja! Kochen! Das kenn ich! Da geht’s um den vorzeitigen Aufwand und den fristgerechten Versuch über das  Hungerstillen eines noch nicht ganz Verhungerten: vom militärischem Mäulerstopfen bis zum Suchbildspaß der Haute Cuisine, vom amerikanischem Fast Food zum italienischem Slow Food, vom unheimlichem Kannibalen bis zum noch viel unheimlicherem Veganer siebenter Stufe, der nur isst, was keinen Schatten wirft: keine sonnenbestrahlten Menschen eben, dafür Erdäpfel, Karotten, Zuckerrüben, Rübenzucker auf Radieschen und sonst nichts.

Ein Verein für Kochen bündelt die Interessen. Das klingt nicht neu.

Doch ein Verein für Muße? Das hingegen klingt nach organisiertem Rückfall in die dunklen Zeiten Epikurs und Heinz Schimankos.

Apropos Schimanko, nach Aristoteles ist Muße „die wahrhaft freie, unbelastete Zeit, die nach der lästigen Bemühung um das zum Leben Notwendige und der nötigen Erholung davon für das allein um seiner selbst willen gewählte Schöne im Leben übrigbleibt, sozusagen der Reingewinn des Lebens. Die Zeit, in der einer so recht zu sich selbst und zum Leben kommen kann …“

Aristoteles jedoch ist weder Mitglied noch verständlich.

Dafür 459 andere Quasiphilosophen, Wochenendgenießer und Kreuz- und Querdenker, darunter Nina Proll, Mario Soldo, Mitbegründer Tobias Moretti und natürlich der Gründer himself und selbsternannter Obervereinsmeier, im bürgerlichen Leben Herr Mag. Martin Rohla, der um ein Kommentar über seinen Verein gebeten, mir lediglich antwortet: „Genieß den Tag und schau dich um!“

Hinter dem Holztor liegt ein Gelände, das sich grün und satt in Richtung Süden neigt, irgendwo im Hintergrund ein Teich, Tretboote, Kinder, die erwähnte und zukunftsschwangere Ziege, da sind Menschen, Hunde, Mitten in der Wiese Sofas, Picknickdecken, einige Kellner, die Getränke und Vorspeisen unter den Himmel und die Bäume zaubern. Links ein niedriges, langes, von einer überdachten Holzterrasse begleitetes Gebäude, dessen Innenräume kurz umschrieben nach Naschmarkt-Disco-Restaurant-Büro-Lager-Heiligtum-Bibliothek-Hort-Lobby-und so weiter aussehen. Stadtflucht eben. Irgendwie Hals über Kopf, irgendwie losgelöst, irgendwie genial und irgendwie gleich um die Ecke.

Da sind Felder, ein Bach, Feuerstellen, ein fester Ziegelgrill und eine kleine Bar, eine Gulaschkanone, ein rosagestrichener zu einem U-Boot getarnter und scheinbar in die Erde abtauchender Öltank, zugegebenermaßen der Hingucker der ganzen Sache und da ist das Geräusch von Frühling, Luft und das Geräusch ein wenig auch von Muße.

Ja! Muße!

„Ich bin seit kurzem Mitglied hier und als Mutter bin ich begeistert vom Programm, das den Kindern geboten wird, und dass es eine Person gibt, die sich um sie kümmert. Das sollten sich viele Betriebe als Vorbild nehmen“, antwortet mir Tamara Gongora auf meine Frage, was diesen Verein denn so besonders macht.

Alexandra Hilverth, Mitglied Nummer 76 meint knapp und grinsend: „nah von Wien und doch so weit“.

Das Areal am Russbach Nummer 1, letztes Jahr als Stadtflucht eröffnet, ist tatsächlich nur 25 Minuten vom Zentrum Wien gelegen, hinter ein paar Autobahnausfahrten, drei vier Kurven durch nie gehörte Weinviertler Dörfer, vorbei an Buchingers „Alter Schule“, dann links und wieder links und angekommen.

Ja! Angekommen!

Auf der Wiese kommt mir ein Mann entgegen, an dessen rechtem Zeigefinger ein entschuppter und ausgenommener Karpfen hängt, so als würde der dort wachsen.

„Den hab ich aus dem Teich gefischt, der kommt jetzt auf den Grill“, sagt der Mann, so als müsst´ er ihn jetzt ernten.

„Geangeltes, Gekochtes, Gejagtes, Gepflanztes, Gesungenes, Gegrilltes, Gesprochenes, Gelächter, Gechilltes, Gekeltertes… Geliebte Stadtflucht“, kommentiert eine Vorübergehende die Verblüffung, denn irgendwie ist es schwer zu sagen, wer hier was und wie und überhaupt tut. Und wieso?

„Es geht uns um einen entspannten Zugang zum Thema Bio und Nachhaltigkeit, aber da ist noch viel mehr. Wir wollen ein Leo, eine Zuflucht sein, wo es keine Nintendos gibt, dafür Kinder, die mit Haut und Haar den fröhlichen Wahnsinn der Natur spüren können“, sagen Martin Rohla und sein Partner Daniel Tarmann Tage später in einer Telefonkonferenz. Zeit haben sie nicht viel, die Männer der Stadtflucht.

„Es geht uns ums JUHU des Ursprungs, aber dessen ernste, Dogma befreite Umsetzung in Anbetracht unsrer Ölförderungsmanie“.

Deswegen taucht das rosa U-Boot ab. Ein Zeichen. Ein Symbol. Telefonieren geht trotzdem.

Die Sonne scheint. Der Obervereinsmeier im Gespräch. Der Staatsoperndirektor Dominique Meyer ebenfalls. Niko Alm „kocht mit Wildschwein, Gallowayrind, Pastinaken, Karotten, Erdäpfeln, Bohnen, Kraut, Zwiebeln, Spargel und vielen anderen vom Kirchturm zu sehenden Bioingredienzen mehr….“ so das kulinarische Programm zu diesem Sonntag. Weiters im Programm zu lesen: Barbara Wittmman spielt mit euren Kids; Pfarrer Ivan Lesko segnet unser Vereinslokal; Yvonne Oswald präsentiert „Südbahn Hotel, am Zauberberg der Wiener; Lise Huber spielt live – ihren großartigen Jazz-Pop-Crossover; Cocktails & Dance am Abend.

Viele los! Alles wahr! Die Ziege lebt! Der Karpfen nicht!

Ich stehe in der Wiese. Überall sitzen liegend Menschen, schweigend ins Gespräch vertieft. Es ist diese leicht flimmernde und verwehte Atmosphäre, die diesen Satz aus der paradoxen Dichtung an diesem Ort so wahr macht. Die Menschen essen kochend, hören musizierend, scherzen lachend und so weiter. Ich steh noch immer stehend. Auch gut!

„Charmantes Areal im Grünen mit Teich. Regionales und saisonales Essen von Stamm- & Gastköchen“, sagt Nina Mohimi nach bekannter Fragestellung.

Ja! Gastköche!

Letztes Jahr kochten unter anderem Haya Molcho vom Neni am Naschmarkt. Überhaupt scheint die Küche das Zentrum des Geschehens. Sie ist die Sakristei, die Kommandobrücke, das Herz, hier wird versammelt und verteilt. Durch einen Gong wird den im Areal verstreuten Gästen sozusagen signalisiert, dass der nächste Gang vom Herd genommen wurde. Aber was nach pawlowscher Laborsituation klingt, ist in Tatsache einem ausgestorbenen ruralen Brauch nachempfunden, demnach die Bäuerinnen ihre Männer von den Feldern und zum Essen riefen, indem sie die am Hausgiebel angebrachte Glocke schlugen. Wahrscheinlich aber ist beides richtig, oder beides nicht, oder doch nur eins.

Dieses Jahr, so Obervereinsmeier weiter am Telefon, ist eines der Gastköcheprogramm-Motti „Politiker an den Herd!“

Nein! Politiker!

Und auch das gehört zum Außergewöhnlichen und Erfrischenden. Niemand kommt hierher um mir den Teufel auszutreiben, weder setzt mir Niko Alm ein Nudelsieb aufs Haupt, noch lauern Bio-Hare Krishnas tanzend auf den Toiletten, kein Parteibuch und auch keine rechte Hand aufs Radfahren, kein Fegefeuer und kein Himmel, nur Kochen, nur Muße.

„Markus Rummelhart kommt von der SPÖ“, erzählt Herr Vereinsmeier, „Barbara Feldmann von der ÖVP, von den Grünen, das BZÖ, NEOS, die Spaghettipartei ist heute eh schon da, nur die FPÖ ist nicht eingeladen“.

Also doch ein Teufel! Passt! Zu viele Kinder stehen hier am Spiel.

Die Sonne geht irgendwo unter. Ich steh noch immer.

„Idylle pur, stylisch, eine grüne Oase, sehr ausgefallenes, individuelles Konzept, der Name Stadtflucht trifft genau zu, erholsam, inspirierend…“ erzählt mir Eva Fischer.

Hanni Rünzler, Vorstandsmitglied und Ernährungswissenschafterin, jene Frau, die als eine der ersten Verkosterinnen in einen Reagenzglas-Burger biss und staunte, kürte den Verein Stadtflucht in einem offiziellen Bericht zum Vorzeigeprojekt in den Bereichen Bio und Nachhaltigkeit.

Noch immer wird gekocht, gegongt, getrunken, Lise Hubers Live-Pop-Jazz verklingt im Abendlicht wie die stille Ebbe nach der stillen Flut, der Tag vergeht, dich Nacht beginnt und niemand ist gegangen.

Ja! Nacht!

Dorli Muhr, Erststundenmitglied und Vereinskassier sagt: „Die Stadtflucht bietet paradiesische Voraussetzungen für den schnellen Urlaub zwischendurch und erfüllt alle unsere Wünsche, die plötzlich am Wochenende auftreten. Raus nach Kronberg, und schon sitzt man im Garten, muss sich aber nicht ums Rasenmähen kümmern, kann nach Lust und Laune kochen, muss sich aber nicht ums Abwaschen kümmern, räkelt sich in den Sofas, muss sich aber nicht um deren Pflege kümmern, genießt, dass die Kinder sich austoben können, muss sich aber nicht um deren Animation kümmern. Man hat noch ein gutes Gewissen, weil alles naturnah, nachhaltig und sehr, sehr grün ist. Und außerdem trifft man ständig irgendwelche wirklich coolen Menschen, oder sogar Berühmtheiten wie den Philipp Traun“

Man ist begeistert. Auch von sich selbst.

Es ist April. Morgen ist Montag. Die Nacht ist kühl. Das Gras wird feucht. Die Menschen gehen. Der Karpfen war. Die Ziege bleibt.

Und jetzt beginnen die Gespräche über gar nichts mehr.