Gedanken zum Österreichischen Nationalfeiertag 2016

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Österreich war nach dem Zweiten Weltkrieg eine eigentlich nicht überlebensfähige Ruinenwüste, ein zurückgebliebener Rumpfstaat, von vier Armeen besetzt, viele Männer gefallen oder für immer verschollen, die Zurückgekehrten von den Kriegsgräueln traumatisiert, die Industrie zerbombt. Wien ebenso. Wir waren ganz am Boden. Ganz. Bitte nicht vergessen, das ist noch kein ganzes Menschenalter her.

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Heute, 71 Jahre später, sind wir das viertreichste Land der EU (wenn man das eigentlich außer Konkurrenz mitspielende Luxemburg weglässt sogar das drittreichste) und seit bald einem Jahrzehnt immer unter den Top 15 weltweit. Wien ist seit Jahren bei fast allen relevanten Rankings eine der drei lebenswertesten Städte der Welt. Der Welt. Unsere Straßen sind auf eine geradezu schon ein bissl peinliche Art und Weise sauber und gepflegt, jeder Münchner, der sich täglich über den dortigen Ring quälen muss, lacht Dich aus, wenn Du über den Stau auf der Tangente lamentierst. Unserer Wirtschaft geht es gut, viele Unternehmen sind in ihren Nischen Weltmeister, das Umfeld für Start Ups verbessert sich spürbar. Die letzte Tourismus-Wintersaison verzeichnete – trotz wenig Schnee – ein neues Rekordergebnis. Die Arbeitslosigkeit ist – auch im Vergleich zu allen anderen EU-Staaten – seit Jahrzehnten gering. Ein aktuelles Ranking zeigt Österreich als drittfriedlichstes Land der Welt. Wie PwC gerade feststellte, belegen wir auch den dritten Platz unter 35 OECD-Ländern, was die Heranführung junger Menschen an den Arbeitsmarkt betrifft. Die Geschwindigkeit und Bürgernähe der öffentlichen Verwaltung ist immer wieder überraschend – einen neuen Reisepass bekommst Du innerhalb von ein bis zwei Tagen, brauchst Du eine Betriebsanlagengenehmigung, ist die Behörde mehr wohlmeinender Berater als böswilliger Kontrolleur. Beides gerade erst erlebt. Man könnte noch eine Menge weiterer Statistiken anführen, die ähnliches zeigen. *

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Auf jeden Fall ist Österreich eines der großartigsten Länder der Welt. Und eines der allerschönsten sowieso. Wer braucht schon ein Meer. Natürlich fallen wir immer wieder irgendwo ein bissl zurück. Dafür holen wir aber woanders wieder auf. Die Kurve zeigt seit mehr als 70 Jahren stetig hinauf, dass sie weniger steil wird, liegt daran, dass wir schon so weit oben sind. Und noch einmal, um nicht der Schönfärberei bezichtigt zu werden – es gibt viele Dinge, die verbesserungswürdig sind. Manche sogar stark. Und es ist natürlich auch notwendig, diese zu erkennen und an den Verbesserungen zu arbeiten. Was aber meist halbwegs rasch passiert.

14680688_617100101796475_5607263226632967116_nIn seiner berühmten Weihnachtsrede 1945 sagte Leopold Figl: „Ich kann euch zu Weihnachten nichts geben, kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts. Wir können euch nur bitten: Glaubt an dieses Österreich.“ Figl glaubte an Österreich, dieses kleine Land mit großer Geschichte mitten in Europa, ebenso wie seine Nachfolger Raab, Gorbach, Klaus, Kreisky, Sinowatz, Vranitzky, Klima, Schüssel, Gusenbauer, Faymann und Kern. Zwölf Namen, die alle ganz eng mit dem gerade beschriebenen Aufstieg Österreichs verwoben sind. Fünf schwarze und sieben rote Regierungschefs. Jedem einzelnen von ihnen und auch – bis auf ganz wenige uns wohlbekannte Ausnahmen – fast allen von ihnen nominierten

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Regierungsmitgliedern kann und muss man eigentlich mit Respekt, Hochachtung und Dank begegnen. Wenn man das macht, was der natürliche Menschenverstand gebietet: Diese Menschen an ihren Taten zu messen, an dem, was sie mit ihrem Regieren in ihren Amtszeiten geschaffen haben. Nämlich die Rahmenbedingungen und Spielregeln, in denen sich unsere wunderbare Heimat (ich verwende dieses Wort jetzt gerade absichtlich) so entwickeln konnte. Und sich die Begabung und der Fleiß seiner Menschen so entfalten. Wobei wir mit Sicherheit nicht a priori schon viel begabter oder fleißiger sind als alle anderen Menschen auf der Welt, wohlgemerkt! Es geht uns aber im Regelfall schon von Geburt an deutlich besser als fast allen anderen Weltbürgern – unserer individuellen persönlichen Entwicklung sicher nicht abträglich …

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Und dann spielt halt vielleicht doch dieser eine große unklare undefinierbare schwammige Geburtsvorteil eine Rolle, nämlich Nachfahren des ersten Melting Pot of Nations und Abkömmlinge vieler verschiedener Nationen und Kulturen zu sein, die immer schon von der Rücksichtnahme und Akzeptanz anderer eben anders ausschauender, sprechender und lebender Menschen abhängig waren. Das steckt ganz tief in uns drinnen und macht uns Österreicherinnen und Österreicher – vielleicht, das ist jetzt eine unbeweisbare Theorie – trotz aller Raunzereien um das kleine Äutzerl toleranter und offenherziger. Und eigentlich zu freundlichen und oft recht charmanten Menschen. Auch darum so viele Touristen, wage ich jetzt zu behaupten. Auch darum so unverhältnismäßig viele erfolgreiche österreichische Manager auf der ganzen Welt. Auch darum so viel private Initiative und immer wieder so viel freundliche Aufnahme von Flüchtlingen. Ja. Die Ausnahmen bestätigen die Regel.

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Warum aber um Gotteshimmelswillen sind wir dann eigentlich so unfreundlich und unfair zu unseren Politikern und ihren Regierungen? Wie kommen wir dazu, sie mit so viel Verachtung und Bösartigkeit zu behandeln? Ich bin jetzt wirklich kein großer Freund von Werner Faymann als Bundeskanzler, aber was sich nach seinem Abgang und im Zusammenhang mit seinem neuen UNO-Job medial an Spott und Häme über ihn ergossen hat, war frei von jeglicher Fairness und zum sich in Grund und Boden schämen. Herr Faymann war nach allem, was wir bisher wissen, weder korrupt, noch hat er in die Kasse gegriffen. Er war als Bundeskanzler nicht besonders inspiriert und inspirierend, gut, aber vom Volk mit einer demokratischen Mehrheit 2013 ins Amt gewählt. Er war sicher guten Willens und hätte sich – so wie viele andere Politiker, die während ihrer Amtszeit und besonders gerne nach ihrem Abgang verächtlich gemacht werden – Respekt verdient. Respekt dafür, bewusst und aus freiem Willen sich einen Beruf ausgesucht zu haben, mit dem sie ihrem Land dienen, den Menschen darin nützen und etwas Gutes tun wollen. Jeder weiß es – das Leben eines Politikers ist im Regelfall eine frei gewählte Tortur, verbunden mit menschen- und gesundheitsverachtenden Arbeitszeiten und in der Relation dazu viel zu wenig Salär. Natürlich gibt es schwarze Schafe und die sind selbstverständlich verachtenswert. Aber es ist bestürzend, wie sehr die paar Grassers und Strassers (obwohl gerade auch in diesen beiden Fällen die Mühlen der Justiz vertrauenserweckend unerbittlich sind) ihrem eigentlich so ehrenwerten Berufsstand Schaden zugefügt haben. Heutzutage noch in die Politik gehen zu wollen, dazu gehört schon ein ganz außergewöhnliches Quentchen Mut und Idealismus.

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Geradezu schon machiavellistische Perversion der Angelegenheit ist überhaupt, dass gerade die Partei, aus deren Reihen diejenigen Politiker kommen, die unserem ganzen Land durch ihre Misswirtschaft in einem Bundesland den bei weitem höchsten jemals durch politische Korruption verursachten Schaden zugefügt haben, sich als Sauberpartei darzustellen versteht. Dazu gehört nicht nur eine ob ihrer Frechheit fast schon bewundernswerte trumpsche Chuzpe, sondern natürlich auch eine generelle antipolitische Grundstimmung in der Bevölkerung, die solche Täuschungsmanöver überhaupt erst ermöglicht. Und wenn der Oberproponent dieses Sammelbeckens der frustrierten Korruptionsbereiten zum Nationalfeiertag dann auch noch Nazilieder postet und so en passant meint, dass bei uns mittelfristig ein Bürgerkrieg nicht unwahrscheinlich ist, dann ist auch das ein Zeichen dafür, wo uns – trotz eben der eingangs angeführten so besonders erfreulichen rationalen Faktenlage – die allgemeine Politik- und Politikerverachtung hingebracht hat. Jede/r, die/der lauthals in den Chor des unreflektierten Politikerbashings miteinstimmt, bereitet damit langsam aber sicher demokratiegefährdenden und Intoleranz Vorschub leistenden Strömungen den Boden, das steht leider ganz außer Frage.
Darum bitte, Ehre, wem Ehre gebührt, und wenn nicht schon Ehre, dann zumindest Dank und Anerkennung. Sie gebühren denjenigen, all den Frauen und Männern egal welcher politischen Couleur, die in den letzten Jahrzehnten durch Weitblick, Fleiß und Geschick den Rahmen dafür geschaffen haben, dass wir heute auf der sprichwörtlichen Insel der Seeligen leben dürfen. Also hiermit offiziell von unserer Seite herzlichen Dank den Herren Figl, Raab, Gorbach, Klaus, Kreisky, Sinowatz, Vranitzky, Klima, Schüssel, Gusenbauer, Faymann und Kern samt allen ihren Ministerinnen und Ministern und allen anderen im Dienste der Republik.
Ceterum censeo, es ist Zeit für eine Frau Bundeskanzlerin!

Martin Rohla
im Namen des Vorstandes der Stadtflucht Bergmühle, Verein für Kochen und Muße im Grünen

* Alle genannten Fakten sind belegt. Genaue Quellen gerne auf Rückfrage.